Predigt: „Ein Leben lang bereit sein, Chancen zu ergreifen“
Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrkräfte, liebe Eltern, alle, die heute hier sind!
Herzlichen Glückwunsch! Sie haben’s geschafft! Heute gehen Sie hier raus und dann – nie wieder Schule!
Ja, haha. Natürlich irgendwie schon. Aber Sie haben’s ja schon in Ihrem Motto stehen, das Sie für den heutigen Tag gewählt haben. Stehenbleiben ist nicht. Jedenfalls nicht lang. Und gerade in der Landwirtschaft kann man vieles nicht so einfach liegenlassen. Da muss man sowieso immer schauen: Was ist gerade dran? Was ist nötig? Und oft genug sicher auch: Was kann ich gerade mal liegenlassen?
Dass die nächsten Jahre und Jahrzehnte für landwirtschaftliche Betriebe herausfordernd sein werden, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Das wissen Sie besser als ich. Und trotzdem haben Sie sich dafür entschieden, diesen Beruf zu ergreifen. Wirklich, Respekt für diesen Mut!
Schließlich kann gerade wirklich niemand sagen, wo diese Welt hinsteuert. Werden Sie in 20 Jahren Orangen anpflanzen? Oder wird es im Zuge der Klimaerhitzung hier bei uns sogar kälter, wenn der Golfstrom komplett abbricht? Alles ist unsicher, vieles ist denkbar und immer bleibt Ihr Beruf einer der ganz grundlegenden dafür, dass wir Menschen weiterleben können.
„Ein Leben lang bereit sein, Chancen zu ergreifen“. Das ist ganz schön anstrengend, ehrlich. Einfacher wär’s, irgendwann zu sagen: So, jetzt hab ich genug erreicht im Leben, die nächsten 20, 30 Jahre im Job laufen einfach so weiter wie bisher. Es gibt Berufe, das geht das vielleicht. In der Landwirtschaft wohl eher nicht mehr.
Manchen Menschen macht das Angst, dass sich unsere Welt so schnell verändert. Alte Gewissheiten fallen weg, Dinge, auf die man sich immer verlassen konnte. Verbrauchergewohnheiten verändern sich, staatliche Vorgaben auch, Märkte brechen zusammen, entstehen neu, und dann die Kriege in der letzten Zeit, die auch die Energiepreise und damit die Düngerpreise in die Höhe treiben.
„Ein Leben lang bereit sein, Chancen zu ergreifen“. In Ihrem Motto für heute steckt so überhaupt nichts von „Jammern darüber, dass sich die Dinge ändern“. Da steckt Hoffnung drin. Mut. Zupacken. Und aufmerksam beobachten, was eben gerade dran ist.
Ein Leben lang bereit sein, Chancen zu ergreifen – das klingt modern. Aber eigentlich ist das eine uralte Geschichte. Eine Geschichte von einem, der genau das getan hat. Sein Name: Abram. Später hieß er Abraham, aber das ist eine andere Geschichte.
Abram war ein erfolgreicher Viehzüchter mit vielen Angestellten, einem großen Betrieb, riesigen Viehherden. „Er war reich an Vieh, Silber und Gold“, heißt es ein bisschen später in der Erzählung. So zogen sie vermutlich durch die Gegend, wie es damals üblich war. Mit Zelten, die sie wieder abbauten, sobald die Gegend abgegrast war. Ein unstetes, aber doch geregeltes und gutes Leben.
Nur eines hatte Abram nicht: Kinder.
75 Jahre war er alt. Zeit, in den Ruhestand zu gehen, alles abzugeben, das Leben zu genießen. Aber wer sollte den Betrieb übernehmen?
Und dann kommt diese Aufforderung Gottes:
Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.
Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.
Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.
Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.
1. Mose 12, 1-5
Wow.
Mit 75 fängt Abram nochmal von vorne an.
Er hat viel zu verlieren. Seine ganze gesicherte Existenz.
Alles setzt er aufs Spiel – weil Gott ihm sagte: Geh. Weil Gott ihm etwas versprochen hatte, was völlig unglaublich klang: Nachkommen, so zahlreich wie die Sterne am Himmel.
Er hat es gewagt. Davon erzählt uns diese uralte Geschichte: Gott segnet. Gott begleitet dich. Gott will dich stützen, für dich da sein.
Erst in sehr hohem Alter, so erzählt die Bibel, haben Abram und seine Frau Sarai ein Kind bekommen, Isaak. Aber Abraham wird heute zu den Stammvätern Israels gezählt, noch heute kennen wir seinen Namen.
Was wäre geschehen, wenn er es nicht gewagt hätte?
„Ach nee, lass mal, mir geht’s hier gut, das Risiko ist mir zu hoch. Ich hab doch alles erreicht im Leben. Dass wir keine Kinder haben ist schade, aber man kann halt nicht alles haben.“
Niemand würde ihn heute kennen.
Seine Frau und er wären irgendwo in der Wüste begraben, niemand wüsste heute mehr von ihnen.
Natürlich: Das hätte alles auch gewaltig schiefgehen können. Nicht auf jedem Aufbruch liegt immer ein Segen. Nicht jedes Unternehmen hat Erfolg. Nicht jede Entscheidung erweist sich im Nachhinein als richtig.
Auch Abraham hat so manchen Rückschlag hinnehmen müssen in seinem Leben.
Aber er hat seine Chance gesehen. Er hat sie ergriffen. Und er hat darauf vertraut, was Gott ihm versprochen hatte: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“.
In Ihrem Leben werden Sie manche schwierige Entscheidung treffen müssen. Manche werden falsch sein. Manchmal werden Sie Ihre Chance ergreifen. Und manchmal werden Sie erst im Nachhinein merken, dass es eine war. Bereit sein, Chancen zu ergreifen – das ist auch keine Frage des Alters. Sondern der Haltung.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich im Leben so gesegnet fühlen wie Abraham.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihre Chancen so mutig ergreifen wie er.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Zusage Gottes begleitet in Ihrem Leben:
„Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“.
Amen.


