Predigt: Was geht's dich an?

Predigttext: Johannes 2, 1-11
Am dritten Tage war eine Hochzeit in Kana in Galiläa, und die Mutter Jesu war da. 2 Jesus aber und seine Jünger waren auch zur Hochzeit geladen. 3 Und als der Wein ausging, spricht die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr. 4 Jesus spricht zu ihr: Was geht's dich an, Frau, was ich tue? Meine Stunde ist noch nicht gekommen. 5 Seine Mutter spricht zu den Dienern: Was er euch sagt, das tut. 6 Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. 7 Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. 8 Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt's dem Speisemeister! Und sie brachten's ihm. 9 Als aber der Speisemeister den Wein kostete, der Wasser gewesen war, und nicht wußte, woher er kam - die Diener aber wußten's, die das Wasser geschöpft hatten -, ruft der Speisemeister den Bräutigam 10 und spricht zu ihm: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie betrunken werden, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückbehalten. 11 Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, geschehen in Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.

Müde, ja verzweifelt sitzt der Pfarrer vor dem leeren Blatt, das seine Predigt werden soll. Die Worte sind ihm ausgegangen. „Sie haben keine Worte mehr!“, so hört er Maria rufen. Doch Jesus weist sie zurück: „Was geht’s dich an?“

Müde, verzweifelt sitzt das Krankenhauspersonal im Bereitschaftsraum. Das tägliche Leiden und Sterben auf der Intensivstation hat sie mürbe gemacht. „Sie haben keine Intensivbetten mehr!“ ruft Maria. Doch Jesus weist sie zurück: „Was geht’s dich an?“

Müde, verzweifelt sitzen Eltern mit ihren Kindern beim Homeschooling. Die eigene Arbeit bleibt liegen und doch können sie ihren Kindern nicht gerecht werden. „Sie haben keine Geduld mehr“, ruft Maria. Doch Jesus weist sie zurück: „Was geht’s dich an?“

Müde, verzweifelt sehen die Krematoriumsmitarbeitenden in Meißen und anderen Städten auf die Flure und Lagerhallen voller Särge, teilweise dreifach aufeinander gestapelt. „Sie haben keine Särge mehr“, ruft Maria. Doch Jesus weist sie zurück: „Was geht’s dich an?“

Müde, verzweifelt sitzen Selbständige über ihren Abrechnungen. Sie sehen keine Perspektive mehr für ihren Betrieb. „Sie haben kein Geld mehr!“ ruft Maria. Doch Jesus weist sie zurück: „Was geht’s dich an?“

Müde, verzweifelt fühlen sich gerade viele. Ich könnte die Liste nahezu unendlich verlängern, und vermutlich gehören auch Sie irgendwo dazu. Und die ermüdenden Diskussionen über Corona und ob diese oder jene Maßnahme nun richtig oder falsch ist – das alles macht es auch nicht wirklich besser.

Der heutige Predigttext, den ich eigentlich sehr liebe, kommt mir diesmal so fremd und fern von unserer Lebenswirklichkeit vor. Eine große rauschende Feier. Wann hatten wir die zuletzt? Wann haben wir zuletzt in großer Runde zusammengesessen, getrunken, gelacht, geredet, getanzt? So, wie wir es normalerweise jedes Jahr auf der Kirm tun?

Wann war zuletzt unser größtes Problem, dass der Wein alle war?

Maria aber sind auch diese kleinen Probleme wichtig. Sie setzt sich ein für die Menschen. „Sie haben keinen Wein mehr!“

„Was geht’s dich an?“ wird sie von Jesus rüde zurückgewiesen.

Was geht’s dich an?

So werde ich manchmal auch kritisiert. Auf Facebook, auf Twitter, viel seltener im persönlichen Gespräch. Was geht’s dich an, wenn die Flüchtlinge in Lesbos – so wie gestern wieder – ungenießbares Essen erhalten, in dem die Maden kriechen? Was geht’s dich an, wenn Menschen in ein Land abgeschoben werden, in dem ihnen der Tod droht? Was geht’s dich an, wenn die Erde sich erhitzt, so dass unsere Welt in ein paar hundert Jahren vielleicht unbewohnbar wird? Kümmer dich um deine Gemeinde, Pfarrer. Als wäre so eine Gemeinde ein von der Welt abgeschnittenes Stück, in dem es keine Sorgen und Nöte, keine Verzweiflung, keine Einsamkeit und keine Krankheit gäbe.

Aber das sind wir nicht. Wir sind als Gemeinde keine Welt für sich, in der es nur ums eigene Seelenheil geht. Auch bei uns geht es doch um die ganz normalen weltlichen Dinge. Manchmal ums nackte Überleben, finanziell oder gesundheitlich. Und besonders in dieser Pandemie auch darum, wie wir seelisch gesund bleiben können angesichts all der Belastungen, die auf uns einprasseln.

Nur eines, das ist vielleicht etwas anders als bei manchen anderen. Wir wissen: Wir sind nur ein Teil. Wir sind ein Teil der weltweiten Kirche, die wir jeden Sonntag im Glaubensbekenntnis bekennen. Und darum wissen wir uns verbunden mit all den Menschen, die hungern, die frieren, die auf der Flucht sind, die keine Heimat haben, die keine Zukunft mehr sehen. Nicht nur in unserem Dorf, nicht nur in unserem Land, sondern weltweit. Wir haben Freunde auf der ganzen Welt. Unsere Partner in Rio de Janeiro berichten von den großen Problemen in den Favelas und in der von unserem Dekanat finanzierten Kindercreche. Die Indiohilfe Peru hilft bei der Finanzierung eines Zentrums für behinderte Waisenkinder in Bolivien. Und und und.

Was geht’s dich an? Alles. Das Wohl der Menschen steht auf dem Spiel.

Es ist das erste Wunder Jesu, von dem Johannes hier erzählt. Und es ist so völlig weltlich. So klein, und doch verändert es alles. Jesus sorgt dafür, dass die Menschen weiter feiern können. Er sorgt dafür, dass es den Menschen gut geht. Nicht irgendwie im Geist, nicht irgendwie im Himmelreich – sondern ganz konkret, hier auf der Erde, bei einer Hochzeitsfeier.

Und doch weist er Maria zurück: „Meine Zeit ist noch nicht gekommen“. Warum? Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Vielleicht, um ihr – und uns – zu zeigen: Gottes Wunder sind nicht beliebig verfügbar. Gott ist kein Gebetsautomat. Und wenn wir noch so fest beten: Es steht nicht in unserer Macht, was Gott tut und was nicht. Er bleibt unverfügbar. Seine Zeit ist nicht dann gekommen, wenn wir es wollen.

Vieles aber steht in unserer Macht. Gerade haben wir als weltweite Menschheit bewiesen, wie schnell es gehen kann, einen Impfstoff zu entwickeln. Wenn wir zusammenarbeiten. Wir könnten so vieles tun. Wir können Konflikte beilegen. Wir könnten Flüchtende menschenwürdig beherbergen. Wir könnten dafür sorgen, dass auch künftige Generationen gut auf dieser Erde leben können. Wir könnten dafür sorgen, dass bei uns niemand auf der Straße leben muss. Wir könnten dafür sorgen, dass selbst die ärmsten Familien sich nicht um ihr Essen und ihre Wohnung sorgen müssten. Das meiste davon würde einen Bruchteil von dem kosten, was in diesen Tagen ausgegeben wird.

„Meine Zeit ist noch nicht gekommen“, sagt Jesus. Eines Tages wird es herrschen: Das Friedensreich Gottes. Aber bis dahin sind wir es, die dafür arbeiten können, dass allen Menschen geholfen wird. Bei den großen Problemen und bei den kleinen. Jesus hat uns vorgemacht, wie das geht. Sein erstes Wunder war es, Wein zu schaffen, damit die Menschen feiern können. Und eine seiner letzten Handlungen war, mit seinen Jüngern Wein zu trinken beim Abendmahl. „Tut dies zu meinem Gedächtnis“.

Eines Tages, wenn diese große Krise vorbei ist, werden wir wieder gemeinsam feiern. Vielleicht schon dieses Jahr im September auf der Kirm. Dann werden wir gemeinsam Wein trinken und uns freuen.

Aber auch jetzt, in dieser langen, viel zu langen Durststrecke dürfen wir uns Momente der Freude gönnen. Genießen, was wir haben. Ein Glas Wein trinken „zu seinem Gedächtnis“. Damit wir wieder gestärkt daran gehen können, diese Welt zu einer menschenwürdigen Welt zu machen.

Denn unsere Zeit – sie ist gekommen. Jetzt.

Amen.

 

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